Eine Frau durchlebt im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Auffassungen bezüglich ihres Alters. Meistens beginnt es in den Teenagerjahren: Wir fangen an uns zu schminken, machen uns die Haare – färben diese vielleicht sogar – und tragen figurbetonte Kleidung, damit jeder sieht, dass wir Erwachsen sind. Das erwachsene Aussehen öffnet uns die Türen für Diskotheken, in die wir noch nicht hineindürften und für Kinofilme, die man noch gar nicht sehen sollte. Natürlich wollen wir auf diesem Weg auch Männer kennenlernen, die sich nicht für uns interessieren würden, wenn sie wüssten wie alt wir wirklich sind. Fragt uns jemand nach dem Alter, sind wir stolz, wenn wir zwei oder drei Jahre älter geschätzt werden, als wir es tatsächlich sind.
Das geht dann eine ganze Weile so, bis man an ein Alter von etwa 25 Jahren gelangt. An dieser Stelle erreicht man die Phase, an der man glücklich ist, wenn man auf sein tatsächliches Alter oder vielleicht etwas jünger geschätzt wird. Im weiteren Verlauf prägt sich diese Auffassung immer weiter aus: Nun möchte man am liebsten nur noch hören, dass man jünger ist, als man aussieht. Natürlich können wir damit leben, wenn man unser reales Alter schätzt – aber das man älter ist, möchte keine Frau mehr hören, die das Teenageralter geschafft hat.
Ich habe inzwischen ein Alter von „29b“ erreicht. Das ist nicht alt! Ich möchte es noch einmal betonen: Es ist kein Alter! Dennoch versucht plötzlich alle Welt, einem genau dies einzureden: Kürzlich stattete ich dem Solarium mal wieder einen Besuch ab. Als pflege- und kosmetikbewusste Frau erkundigte ich mich bei der Dame hinter dem Tresen (die ich bis dato übrigens ganz okay fand) nach Pflegeprodukten. Nachdem sie ihre Ausführung begonnen hatte, musste ich fast um Luft ringen. „Für die ,reife Haut’ kann ich folgendes Produkt empfehlen …“, „… auch dieses ist ein gutes Produkt, aber für die ,reife Haut’ würde ich dieses Produkt verwenden.“ Sie hat mir tatsächlich Produkte für die „reife Haut“ empfohlen! Ich meine, selbst WENN es so wäre, was natürlich NICHT der Fall ist, könnte man das doch wirklich geschickter ausdrücken, zum Beispiel „für Ihre Haut“. Die Dame sollte wirklich mal an einem Kurs für Verkaufsgespräche teilnehmen!
Etwas Ähnliches passierte mir letztens bei meinem Frauenarzt. Wir plaudern gemütlich über die Dinge, die Frauen so mit ihrem Gynäkologen besprechen, als der Doktor fragt: „Haben Sie eigentlich noch einen Kinderwunsch?“ Ich plaudere munter weiter und erzähle, dass wir unsere Familienplanung noch nicht abgeschlossen, konkret aber auch noch nichts geplant hätten. Die gerade noch so muntere Plaudermiene des Doktors verwandelte sich plötzlich in ein Ernstes, ja, ich möchte fast sagen fassungsloses Gesicht. Ein langer und tiefer Blick in meine Augen folgte. Ich dachte noch „Was hat er denn jetzt bloß?“, als er seinen Blick von mir abwandte und eine bestimmte Stelle auf meiner Karteikarte fixierte.
Ich folgte seinem Blick – er galt meinem Geburtsdatum – und fragte eher belustigt: „Schauen Sie etwa gerade auf mein Alter?“ Ein langer und breiter Vortrag über „Risikoschwangerschaften“ und die Schwierigkeit der Befruchtung „im Alter“(!) folgten. Ich erwog bereits ihn mit meiner Handtasche zu attackieren, empfand es aber als nicht angemessen für diesen Anlass. Während ich noch auf der Suche nach einem passenderen Gegenstand war, erklärte mir der Doc, dass „alte“ Erstmütter immer so furchtbar hysterisch seien. Zum Glück müsste er bei mir damit aber nicht rechnen, da ich ja schon ein Kind hätte, würde ich das sicher entspannter sehen. Mit dem „dringenden Hinweis(!)“ den zeitlichen Plan unseres Vorhabens ernstlich zu überdenken wurde ich schließlich entlassen.
In einem solchen Moment kann wohl jeder Arzt nur hoffen, dass das Sympathiekonto seiner Patientin im Gegenüber bei mindestens 100 % steht. Als ich die Praxis verließ, befürchtete ich, ich müsste jeden Augenblick den Eintritt der Wechseljahre erwarten!
Eine bekannte deutsche Punkband würde dazu singen: „Ich bin noch keine 60 und ich bin auch nicht nah dran …“











4 comments
Hansi says:
Nov 9, 2009
So geil geschrieben Bina! HERLICH!
Ich bin übrigens nur 29, nix a,b,c ;o) Aber auch nurnoch bis Januar ich altes Weib!
n. pohl says:
Nov 26, 2009
Kann mich nur anschließen – toller Artikel!
Susi says:
Nov 26, 2009
LOL
Ich bin übrigens fast 44. Und was soll ich sagen: Ich finde mich ehrlich gesagt schöner als mit Mitte 20!
Ich sage nur: Mut zum Alter!
))
TT-Schreibwettbewerb: Der unperfekte Tag says:
Dez 15, 2010
[...] und Glossen lese ich gerne – aber die große Glossen-Schreiberin bin ich nicht. Ich habe mich hier und hier mal zaghaft an einer Kolumne versucht, der dritte Versuch war dann gleich die Glosse für [...]